Die Frage kann man als ernsthafte Frage oder aber als recht anmaßend interpretieren. Sie in all ihren Ebenen und Facetten erörtern zu wollen, ist müßig und dem Format „Blog“ ja auch nicht angemessen.
So greife ich – ist ja schließlich mein Blog 😉! - nur eine Facette heraus: wie waren wohl die Lebensumstände der Menschen, die damals Qigong-Übungen entwickelt haben?
Und schon ist man mitten drin, denn was heißt denn „damals“? Der erste Mensch, der aus der Höhle sich reckend feststellt, dass dieses Strecken und Recken sich gut anfühlt? Wahrscheinlich ist der nicht gemeint, aber ist das nicht die Wurzel? Sich bewegen wollen und bemerken, was guttut? Und dann macht man das halt öfter, findet heraus, was besonders guttut, kultiviert das, gibt dem einem Namen, und trägt es an andere heran. Und wie haben diese Menschen gelebt? Was war deren Lebensalltag?
Da gibt es doch eindeutig Unterschiede zur heutigen Zeit und es gibt Gemeinsamkeiten.
Und es gibt natürlich den klaren Unterschied im kulturellen Hintergrund: Qigong ist als Übungsgut aus einem anderen Kulturkreis. Das ist elementar, aber würde den Rahmen hier schon sprengen. Also zurück zu der Frage der Lebensumstände.
Es kann natürlich nicht vollkommen nachvollzogen werden, wie die Menschen vor einigen hunderten oder gar tausend Jahren – je nachdem auf welche Zeit die Entstehung von Qigong datiert wird - gelebt haben. Aber sicher ist doch, dass sie ohne die technischen Errungenschaften der Neuzeit einen im Vergleich eher unbequemen Lebensalltag hatten, der durch viel körperliche Arbeit geprägt war.
Ebenso war die Informationsdichte, auf die wir heute zugreifen oder der wir je nach Wahrnehmungsweise ausgesetzt sind, eine geringere. Auch die damit zusammenhängenden Ablenkungen sowie Leistungsanforderungen gab es so nicht.
Kurzum: Diese Menschen hatten einen anderen Bewegungsalltag!
Und von diesen Menschen sind für diese Menschen Übungen entwickelt worden. Die Übungen wenden sich also an Menschen, die in ihren körperlichen Voraussetzungen und nervlicher Belastung anders aufgestellt waren als wir heute.
Das führt zwangsläufig zu der manchmal als „ketzerisch“ wahrgenommen Frage: sind diese Übungen also noch passend, sprich noch zeitgemäß?
Ich persönlich denke schon – wer hätte das gedacht 😉.
Sie sind passend, weil wir unsere Bewegungsumwelten verringert und die Belastung unseres Nervensystems erhöht haben. Es braucht also „mehr denn je“ Übungen zur Regulation der Spannung in Körper und Geist.
Das sind jedoch nicht nur Entspannungsübungen, die ja zumeist für das Qigong proklamiert werden. Es sind auch Spannungsaufbauübungen – im Körper die Stabilisierung unserer tiefen muskelfaszialen Strukturen.
Und hier könnte nun der Knackpunkt sein: die „klassischen“ Herangehensweise und Anleitungen!
Denn die Menschen damals hatten „andere“ Voraussetzungen für Ihr Üben: körperlich wie auch zeitlich. Von jemandem heute zu erwarten, sich dem Üben zeitlich voll- oder teilumfänglich zu widmen, ist – gestehen wir es uns ein – realitätsfremd. Ein wenig jeden Tag kann schon teilweise zu viel verlangt sein.
Es braucht eine angemessene Heranführung, die die Unter- wie auch Überspannung im Körper thematisiert und in die Regulation führt.
Und so habe ich entschieden – und damit sei all jenen, die eher klassische Anleitungen wählen, gar nichts abgesprochen – die erste Hälfte einer Qigong- wie auch einer Taiji-Stunde Übungen zu widmen, die Tagesspannungen abbauen, und dann wiederum Strukturen in sehr gezielter Weise aufbauen. Das sieht dann z.T. auch gar nicht wie Qigong-Übungen aus.
Aber ohne diese Vorarbeit, die zum Teil das sehr verdichtet, was im Alltag eben nicht an Bewegung stattfindet, würden wir nur die vorhandenen Kompensationsmuster in eine neue Bewegungsart (Qigong-Reihen – Taiji-Formen) übertragen … das wäre schade und hart formuliert – auch Zeitverschwendung.
Wenn unser Körper im Rahmen seiner Möglichkeiten strukturell so aufgestellt ist, dass so etwas wie eine Bewegungskette reibungsarm ineinandergreift, dann erst wird eine fließende Ganzkörper-Bewegung möglich … und wirksam.


