Das ist so ein Satz, den ich des Öfteren in meiner Praxis höre … auch von mir selbst 😉 !
Zunächst ist das ja nur eine faktische Aussage: es ist unsere Realität als zeitliche Wesen. Gemeint ist jedoch zumeist, dieses und jenes nicht mehr zu können, was man vorher – als man jung war – noch konnte.
Nun weiß ich aus meiner Kampfkunstausbildung als Jung-Erwachsener nur zu gut, dass ich viele Dinge, von denen ich meinte, sie zu können, in nachträglicher Betrachtung doch eher nur „gemacht“ habe. „Gekonnt“ - vor allen Dingen im Sinne einer gesundheitlichen Achtsamkeit – habe ich sie nicht 😉!
Unser Körper strukturiert sich nutzungsbedingt - so wie wir uns bewegt haben, so wie wir uns bewegen, formen sich die Strukturen aus, damit genau diese Bewegungen möglich sind.
„Alter“ ist also eigentlich nur die Zeit, die wir bisher hatten, sie mit diesen und jenen Bewegungen zu verbringen. Das schließt auch „Nicht-Bewegung“ mit ein!
Konnten Sie als Kind so lange stillsitzen, wie Sie es heute können? Wie haben Sie die Meisterschaft des Sitzens erreicht? Hatten Sie einen Trainingsplan dafür?
Natürlich gab es keinen Plan. Wohl eher zurechtweisende Hinweise, doch endlich mal still zu sitzen oder still zu stehen. Die Schule war der Sitzort schlechthin – der Sportunterricht konnte das nicht aufwiegen, und die Pausen zum Herumtoben waren immer zu kurz.
Wir haben also lange dafür trainiert, so lange still sitzen zu können. Auf dem Sofa, vor dem Bildschirm, in Sitzungen, im Auto … und unser Körper hat es möglich gemacht, dass wir das, was wir von ihm verlangen, lange und ausdauernd können. Die Strukturen haben sich so ausgeformt, dass wir dies, was so „wichtig“ erscheint, gut durchhalten können.
Die Krux: irgendwie und irgendwann melden sich diese Strukturen, die eigentlich für Bewegungen gedacht waren, denn wir haben dem Körper zwar den natürlichen Bewegungsdrang „abtrainiert“, aber Notwendigkeit von Bewegung damit nicht aufgehoben.
Leben ist Bewegung – Bewegung ist Leben … so platt bzw. so einfach, so richtig.
Wenn Sie heute ohne ein paar morgendliche Übungen nicht in den Tag kommen, können Sie natürlich sagen: „Das brauchte ich doch früher nicht.“ Das heißt aber nicht, dass es keine gute Idee gewesen wäre, wenn Sie es – auch ohne die nun spürbare Notwendigkeit – schon früher getan hätten.
Wenn Sie also sagen: „Ich werde alt.“, dann sind Sie offenkundig damit konfrontiert, dass sich der Verschleiß der Strukturen bemerkbar macht, der entsteht, wenn in „Doch-Bewegung“ kompensiert wurde und die Kompensation nun an die Grenze stößt.
Es klingt zynisch, ist aber nicht zynisch gemeint, wenn ich dann sage: „Herzlichen Glückwunsch – Sie bemerken nun, dass Sie Ihren Körper bisher wenig artgerecht bewegt haben.“
Es ist gut, dies nun zu bemerken - und etwas zu verändern.
Ich glaube, wir haben, wenn wir älter werden, mehr Gelegenheit zum Bemerken … das passiert unter anderem über den Satz: „Ich werde alt.“ Und ja, dieser Satz ist mit Emotionen aufgeladen. Denn es geht ja um die Wahrnehmung des eigenen Abbaus, der in Folge die eigene Autonomie infragestellt … und uns mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Die Angst, die damit einhergeht, sollte man nicht abwiegeln oder verklären.
Und nun?
Sagen wir uns, dass es nun auch nichts mehr bringt? Oder suchen wir uns die nächste Extrem-Bewegungsart, die uns zwar sehr intensiv spüren lässt, aber vielleicht nur das, was wir eigentlich doch nicht können – und dann bügeln wir drüber weg? Oder lernen wir unserem Körper zuzuhören, der schon die ganze Zeit mal leise mal lautere Signale gesendet hat?
Ich plädiere - wer hätte das gedacht 😉 - für letzteres.
Wenn wir beginnen, in unsere Bewegungen genauer hinein zu spüren, dann hören wir die Signale. Das geht bei Bewegungen des Alltags und - meistens erst einmal einfacher – bei Bewegungen, die wir als Übungen in z.B. einer Trainingsstunde machen.
Und ja, in Übungen werden wir dann mit Dingen konfrontiert, von denen wir annahmen, sie zu können, bei näherer Betrachtung jedoch aber „nur“ kompensieren. Ja, wir werden im Training mit Bewegungen konfrontiert, die wir noch nie (so) gemacht haben. Und ja, je später wir damit anfangen, desto schwieriger könnte ein Einstieg sein, wenn (und weil) schon Einschränkungen und Beschwerden vorliegen.
Und dennoch braucht es nur einen ersten Schritt: aus meinem Verständnis ein „Einfach MACHEN“ verbunden mit „EINFACH machen“ 😊. Und das in einer wohlwollenden inneren Haltung, die Ihren Körper nicht zum Feind oder Optimierungsprojekt degradiert.
Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen und 1:1 kann ich sagen, dass wenn Sie – nach und nach - die Wertungen über sich, Ihre Einschränkungen und Ihr Altern ein wenig beiseitelassen, die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Sie lernen, Ihre Grenzen zu erkunden, diese dann wohlwollend annehmen und auch erweitern können.
Und wie wäre es, wenn Sie spielerisch Ihr Bedürfnis nach Bewegung wieder entdecken, so dass es nicht mehr nur Not-Wendigkeit wäre … sondern auch die Freude daran 😊?!!


