In der Zeit der Sommerpause – es gibt kein Kurs, kein Einzel- und Behandlungsgeschehen – stehen vielleicht wieder einige der bei mir Trainierenden vor der Frage: „Was mache ich nun, da Matthias mich nicht anleitet? Warte ich ab, bis es wieder losgeht? Soll ich mich ans eigene Üben wagen? Könnte ich, aber …!?!“
Unser Verstand nimmt eher auf der Grundlage von Defiziten wahr. Eine Erklärung ist evolutionär: die Entwicklung unseres Verstandes ist immer an den Ausgleich „mangelhafter Ausstattung“ gebunden gewesen. Viele andere Lebewesen haben die besseren Sinne, mehr Kraft und höhere Geschwindigkeit. Stimmt - und wir mussten unsere Nachteile gegenüber anderen Spezies mit Planung und Vorausschau via unseren Verstand ausgleichen.
Und so ist es nur folgerichtig, dass wir mehr das Mangelhafte als das Positive sehen … das „Bessermachenwollen“ ist ja schließlich auch Motor von Entwicklung.
Und gleichzeitig ist es die Bremse von Entwicklung, wenn es – in unserem Kontext - vom eigenen Üben abhält: „Ich mach beim eigenen Üben bestimmt was falsch – bevor das passiert, mach ich mal lieber nichts.“
Und wer kennt das nicht: Wir nehmen uns vor zu tun – und dann verpufft unsere getroffene Entscheidung!
Und wenn wir uns zum Tun „durchgerungen“ haben, aber während des Übens den auftauchenden Gedanken an unsere Unzulänglichkeiten den Vortritt lassen, dann werden wir nicht tief in uns lauschen können.
Vielleicht üben wir aber auch jeden Tag, und sind vielleicht sogar stolz darauf, die uns „auferlegte“ Verpflichtung durchhalten zu können. Ja, aber unter Umständen befinden wir uns dann nur in einem rein mechanisches Abarbeiten - wir üben, aber wir erforschen leider auch hier nicht unbedingt.
Wie man es auch macht … ?
Wir wäre es, wir ließen zu, dass die Entscheidung – in unserem Fall „zu üben“ - genau die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit am richtigen Ort wäre, und wir dem Gedanken „Ich mache bestimmt was falsch“ den Rang zuweisen, eben nicht mehr zu sein als ein Gedanke, formbar und ohne Anrecht auf Absolutheit.
Dann hätten wir nicht nur einen Wunsch zum eigenen Üben, sondern eine klare, eindeutige und damit kraftvolle sowie wohlwollende Absicht. Und dann passen wir unser Üben behutsam und mitfühlend an die jetzigen im Augenblick vorliegenden Möglichkeiten an, achtsam für das, was zuträglich ist und für das, was unbehaglich ist.
Dem Üben als solchem vertrauen wir in seiner Wirksamkeit ... und uns in unserer Entscheidung - und dann tun wir!
Dann können wir erfahren, dass etwas in uns absolut in der Lage ist, konsequent zu sein. Und etwas in uns in der Lage ist, Gedanken des Zweifels, der Unlust und des Unwillens als etwas zu sehen, was zwar in uns auftaucht, aber dem wir nicht zu viel Bedeutung beimessen müssen.
Dann binden nicht mehr so viel Energie in uns für zweifelnde Überlegungen und sich immer wiederholende Gedankenschleifen … sie wird - und damit wir - frei.
Wir können dies mit unserem Verstand verstehen, aber erfahr- und erlebbar wird dies jedoch erst durch das Üben … und was für ein Geschenk:
Wir lernen, wie wir etwas (sein) lassen können und dem immerwährenden „Machenwollenmüssen“ zumindest zeitweise entrinnen - und schöpfen genau daraus Kraft!
Dieses Geschenk ist immer da – mit Mitgefühl und Wohlwollen uns selbst gegenüber lernen wir es anzunehmen!


